Jürgen Grieser


Dr. phil., Fachpsychologe für Psychotherapie FSP

 

Psychotherapie - Beratung - Coaching - Supervision

 


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Grieser, Jürgen (1999): Die Vater-Sohn-Beziehung: Das Vaterbild zwischen Phantasie und Wirklichkeit.
In: Psychosozial 22. Jg. Heft II (Nr. 76), S. 81-90.
 


 

Auszug:
 

Die Beziehung zwischen Vater und Sohn wird meistens unter dem Gesichtspunkt der Bedeutung des Vaters für den Sohn beschrieben; der Vater ist das Gegebene, der Sohn tritt in die Welt und muß sich mit diesem Vater oder mit dessen Abwesenheit auseinandersetzen. Wer sich als Mann mit der Vater-Sohn-Beziehung beschäftigt, ist immer mehr Sohn als Vater; wir üben den Blick des Sohnes auf den Vater jahrzehntelang ein, bevor wir selber Vater werden und die Beziehungen auch aus dieser Perspektive erleben und erforschen. Das schlägt sich natürlich in unseren Forschungsansätzen und -ergebnissen nieder. Auch ich werde in den folgenden Ausführungen das Vaterbild des Sohnes ins Zentrum stellen, möchte dabei aber aufzeigen, daß mindestens vier Dimensionen zu berücksichtigen sind, damit das Vaterbild in seiner Entstehung und Funktion verstanden werden kann. Diese vier Dimensionen sind erstens der Beitrag des Vaters, zweitens der Anteil des Sohnes, drittens die Entwicklungs- und Interaktionsdynamik in der Triade Vater-Mutter-Kind und viertens die kulturelle Bestimmung der Rolle des Vaters.

Was ist unter dem Begriff "Vaterbild" zu verstehen? Beim Vaterbild handelt es sich um ein Bündel von Erwartungs- und Interaktionsmustern, die sich auf die Objektrepräsentanz des Vaters beziehen. Aus der Sicht der Objektbeziehungstheorien ist eine Objektrepräsentanz eine Phantasie, die aus einer Vorstellung vom Selbst und einer Vorstellung vom Objekt besteht, welche durch eine Interaktion und die sie begleitenden Affekte miteinander verbunden sind. Das innere Bild, das jeder Mensch von seinem Vater mit sich trägt und auf das er sich bewußt oder unbewußt bezieht, trägt einerseits Spuren von realen Interaktionen mit dem Vater oder väterlichen Ersatzfiguren, andererseits spiegelt es Phantasien wider, durch die die realen Interaktionen ersetzt, ergänzt oder überarbeitet wurden. Wenn ich mich im folgenden mit dieser Differenz zwischen der realen Person des Vaters und dem Vaterbild des Sohnes beschäftige, so bedeutet das nicht, daß die realen Interaktionen mit dem Vater vernachlässigt werden könnten. Doch weil die Vorstellungen auf der inneren Bühne Überarbeitungen unterworfen und durch Neuinszenierungen ersetzt werden, können die inneren Objekte des Menschen "nicht als eine Widerspiegelung des Realen, auch nicht des mehr oder weniger entstellten Realen verstanden werden, wie Laplanche und Pontalis festhalten. Die Phantasietätigkeit des Sohnes nimmt also Einfluß auf das Vaterbild, und umgekehrt nimmt auch das Vaterbild Einfluß auf die kognitiven Prozesse des Sohnes.
 

 


 
 
 

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