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Säuglingswachstum
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1. Wachstumsgeschwindigkeit
Wenn man über Wachstum spricht, darf man nicht vergessen, dass das Wachstum des Kindes mit der Konzeption beginnt und dass die mit Abstand grösste Wachstumsgeschwindigkeit des ganzen Lebens – nämlich umgerechnet 1 Meter pro Jahr – um die 20. Schwangerschaftswoche herum erreicht wird. Im Vergleich dazu ist sogar der Pubertätswachstumsschub ein Klacks.
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Wachstumsgeschwindigkeit

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Das Wachstum wird vor der Geburt weitgehend durch die Zufuhr von Nährstoffen und die Funktion der Plazenta geregelt – und ist NICHT vom ererbten Wachstumspotenzial der Eltern abhängig.
Dann wird das Kind geboren. Mit der Geburt wird das Wachstum des Kindes von einer Vielfalt neuer Faktoren beeinflusst.
Jetzt wird das genetische Wachstumspotenzial – veranschaulicht durch die Erwachsenengrössen in der Familie – wirksam. Deshalb wachsen Kinder von grossen Eltern im ersten Lebensjahr oft überdurchschnittlich und solche von kleinen Eltern unterdurchschnittlich. Zudem können sich angeborene Störungen und Krankheiten auf das Wachstum auswirken.
Im ersten Lebensjahr ist die Ernährung weiterhin entscheidend für ein normales Wachstum. Ausserdem wirken sich erworbene Störungen wie Infekte auf das Wachstum aus.
Nachher, spätestens nach dem 2. Geburtstag, verläuft das Wachstum weitgehend kanalisiert, das heisst, gleichaltrige Kinder wachsen ähnlich schnell entlang ihrer Perzentile. Eine überdurchschnittliche Wachstumsgeschwindigkeit führt zu einem Durchkreuzen der Längenperzentile nach oben; eine unterdurchschnlittliche Wachstumsgeschwindigkeit führt zu einem Durchschreiten nach unten.
2. Die Sicht des Kinderarztes
Für die Eltern und den Kinderarzt sind Wachstum und Entwicklung im ersten Lebensjahr zentrale Grössen. Der Kinderarzt weiss: Normales Wachstum gleich gesundes Kind; eine schwere chronische Störung ist unwahrscheinlich. Die Umkehrung dagegen ist nicht richtig. Eine auffällige Wachstumskurve – wie auf der untenstehenden Abbildung gezeigt – ist nicht gleich Krankheit, sondern in den meisten Fällen Folge der Anpassung an das genetische Potenzial. Allerdings kann diese Kurve durchaus auch Ausdruck einer Störung sein.
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Die Sicht des Kinderarztes

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Beim Lesen einer Wachstumsgrafik wird vor allem die blaue, individuelle Wachstumskurve wahrgenommen. Der Hintergrund und die eingezeichneten Perzentilenkurven wird als eine feststehende Grösse, als eine Art unverrückbare Wirklichkeit wahrgenommen – und genau darauf soll im Weiteren eingegangen werden.
Woher stammen denn die Referenzdaten für die heute benutzten Wachstumskurven?
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1. ZLS
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1954-56
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345
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3 Monate
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0.4 cm
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Prader et al. 1989
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2. ZLS
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1974-78
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97
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3 Monate
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0.4 cm
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Robustelli 1996
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ZAPP
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1990-94
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94
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1 Monat
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0.3 cm
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Eiholzer et al. 1998
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Die Daten für die heute verwendeten Kurven stammen aus den Fünfziger Jahren. Im Rahmen der 1. Zürcher Longitudinalstudie (ZLS) des Kinderspitals Zürich wurden 345 Kinder der Jahrgänge 1954 bis 1956 im ersten Lebensjahr alle 3 Monate gemessen.
Zwanzig Jahre später wurden als 2. Zürcher Longitudinalstudie 97 gesunde Kinder der Jahrgänge 1974-1978 longitudinal untersucht.
Wiederum zwanzig Jahre später entstand die jüngste Longitudinalstudie im Raum Zürich. Diese nach der Zürcher Arbeitsgemeinschaft praktizierender Pädiater genannte ZAPP-Studie umfasste 94 Säuglinge der Jahrgänge 1990 bis 1994. Diese wurden von neun praktizierenden Kinderärzten longitudinal im Einmonatsrhythmus untersucht.
Die Messgenauigkeit war in allen drei Studien vergleichbar: Die Standardabweichung des Messfehlers betrug 0.3 cm für die ZAPP-Studie und 0.4 cm für die beiden Zürcher Longitudinalstudien.
Auch die drei Kollektive waren vergleichbar. Die Teilnehmer aller Studien lebten in der Region Zürich; beide Elternteile waren Schweizer mit vergleichbarem sozioökonomischen Status.
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Vergleich der Mediane

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Auf dieser Abbildung sind die 50. Perzentile der Studien von 1955 (blau), 1975 (grün) und 1995 (rot) dargestellt – und zwar links für die Grösse und rechts für das Gewicht. Hier werden als Beispiel die Knaben gezeigt, bei den Mädchen ergibt sich das gleiche Bild. Sie sehen, dass zwischen dem Wachstum der Kinder der erste Studie (blaue Kurve) und der zweiten Studie (grüne Kurve) nur sehr geringe Unterschiede bestehen.
Die Daten der ZAPP-Studie von 1994 hingegen zeigen, dass die Säuglinge grösser und schwerer waren als in den Fünfziger und Siebziger Jahren. Die Unterschiede sind, mit Ausnahme für die Geburtslänge und die Länge mit 12 Monaten, alle signifikant im Vergleich zu den Daten von 1975.
Referenzkurven 1955 und 1995
Weil die Kurven der ersten und zweiten Studie praktisch identisch sind, konzentriere ich mich jetzt auf die Unterschiede zwischen der heute verwendeten Wachstumskurven von 1955 und den neuen Kurven von 1994.
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Vergleich der Wachstumskurven

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Die blaue Fläche zeigt den Bereich zwischen der 10. und 90. Perzentile der älteren Referenzdaten. Die rote Fläche zeigt den entsprechenden Bereich der ZAPP-Studie. Wie Sie sehen, überlappen sich die beiden Flächen nur teilweise, hier violett wiedergegeben. Die zur Zeit verwendeten Referenzdaten entsprechen also den heutigen Säuglingsgrössen nur noch teilweise. Am ausgeprägtesten sind die Unterschiede in den ersten 6 Lebensmonaten. So entspricht im Alter von zwei bis fünf Monaten die 10. Perzentile von 1994 der 50. Perzentile von 1955.
Das Wachstum von Kindern, die zwischen der 10. Perzentile der 1. ZLS und der 10. Perzentile der ZAPP-Studie wachsen, ist auf dem Hintergrund der heute verwendeten Referenzkurven normal – gemessen an den tatsächlichen Referenzwerten liegen sie aber zu einem grossen Teil unterhalb der Norm. Der Pädiater wiegt sich in falscher Sicherheit. Umgekehrt sind viele Kinder, die oberhalb der 90. Perzentile der heute verwendeten Referenzwerte wachsen, gemessen an den tatsächlichen Werten noch im Normbereich.
Dies kann dazu führen, dass der Pädiater seine Aufmerksamkeit auf die falschen Kinder richtet, Eltern unnötigerweise beunruhigt werden, und dass möglicherweise bei den falschen Kindern Abklärungen in Gang gesetzt werden.
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Matthias

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Hier das Beispiel von Matthias, einem Kind mit Prader-Willi Syndrom. Das Wachstum dieses Kindes (grüne Kurve) fällt mit nach dem 1. Monat aus der ZAPP-Kurve heraus. Dem Kinderarzt gaukeln die veralteten Kurven aber bis ins Alter von 4 Monaten eine falsche Sicherheit vor. Mit den richtigen Kurven wäre das Wachstum früher aufgefallen und die Diagnose wäre möglicherweise noch etwas früher gestellt worden.
Doch zurück zu den Referenzkurven: Die Zunahme der Grösse der Säuglinge lässt sich am besten durch veränderte Ernährungsgewohnheiten erklären. So hat sich zum Beispiel der Anteil der gestillten Kinder seit den achtziger Jahren mehr als verdoppelt. Es ist hinlänglich bekannt und wurde kürzlich in einer WHO-Metastudie bestätigt, dass brusternährte Kinder in den ersten sechs Monaten grösser sind als nicht gestillte.
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Zusammenfassung
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Das Wachstum ist ein geeignetes Mittel für die Beurteilung der Gesundheit des Säuglings.
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Deshalb sind Wachstumskurven ein wichtiges Werkzeug für den praktizierenden Kinderarzt. Dieser ist darauf angewiesen, dass er sich auf die Referenzkurven verlassen kann.
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Die heute verwendeten Wachstumskurven basieren auf Daten aus den Fünfziger Jahren. Sie sind nicht mehr adäquat. Ihre Verwendung führt dazu, dass das Wachstum von vielen Säuglingen zu falscher Sicherheit oder zu falscher Besorgnis Anlass gibt.
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Die ZAPP-Studie wurde vor vier Jahren publiziert. Wir hoffen, dass unsere Daten bald als neue Referenzkurven angewendet werden können.
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