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Wahre Grösse setzt sich durch
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Für kleine Männer ist der Aufstieg mühsamer
Sonntagszeitung 1996, Autor: BETTINA BüSSER
Grosse Männer sind erfolgreicher, sagt die Wissenschaft. Selbst wenn sich die "Grösse" nur in Zentimetern niederschlägt - die Kleinen haben das Nachsehen.
"Nein, zu diesem Thema möchte ich mich nicht äussern - und auch keinesfalls in diesem Zusammenhang in der Zeitung erwähnt werden!" So reagierten diverse prominente Schweizer Männer auf die Anfrage der SonntagsZeitung.
Dabei sollten sie weder zu militärischen Geheimnissen noch zu ihren geheimen Sexualpraktiken Auskunft geben, sondern bloss zu ihrer Körpergrösse. Genauer: zum Umgang mit ihrer bescheidenen Schulterhöhe, die unter dem Schnitt der Schweizer Männer liegt. Rund 1,76 Meter wächst Herr Schweizer normalerweise in die Höhe. Die angefragten Herren blieben in der Regel zehn Zentimeter unter dieser Norm.
Weshalb diese Ablehnung? In der Schweiz gibt es doch eine Reihe prominenter kleinwüchsiger Männer. Der ehemalige Spitzenturner Sepp Zellweger beispielsweise misst 1,58 Meter. Urs Kälin, WM-Silbermedaillengewinner im Riesenslalom, 1,66 Meter. Einen Zentimeter grösser ist Raymond Fein, TV-Showmaster und Musiker. Fein hat mit seinen Zentimetern keine Probleme: "Wie heisst es so schön: klein, aber fein. Ich bin ein lebendes Beispiel dafür." Als Kind habe er im Judo gelernt, dass "es in der physischen Begegnung nicht auf die Grösse ankommt". Allerdings: Als Jugendlicher musterte er die Frauen sehr genau, bevor er sie zum Tanz aufforderte. "Denn ein Tanzpaar, bei dem die Dame den Herrn um zwei Köpfe überragt, wirkt in unseren Augen seltsam."
Ausser sie tanzten in einem lustigen Theaterstück: Schauspieler Nicolai Mylanek (1,59 Meter) kann sich an eine Szene in der "Kleinen Niederdorfoper" erinnern, in der er mit einer ihn überragenden Partnerin über die Bühne wiegen musste und damit beim Publikum grossen Applaus erntete. In einem ernsten Stück wäre ein derart ungleiches Paar kaum denkbar. "Es gibt Ansprüche an die Optik", sagt Mylanek. Er hat aufgehört, sich darüber zu ärgern, wenn ihm eine Rolle wegen seiner Körperlänge versagt bleibt: "Ich bin von Natur aus sehr realistisch."
Was auf der Bühne gilt, spielt auch in der Liebe: Nach gängigem Muster muss der Mann grösser sein als die Frau. "Frauen suchen unbewusst einen Partner, der sie auch körperlich beschützen kann", sagt dazu Reto Volkart, Oberassistent am psychologischen Institut der Universität Zürich und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychologie. Dieses Muster - körperliche Grösse wird mit Stärke und überlegenheit gleichgesetzt - stammt laut Volkart aus den Urzeiten der Menschheit. Obwohl die Lebensumstände heute ganz anders sind, gelten die "Grossen" noch immer mehr: "Kleine", so Volkart, "müssen schneller, klüger, sozial kompetenter sein, um sich durchzusetzen."
Grosse Männer verdienen mehr und machen schneller Karriere
Das gilt auch im Beruf. In manchen Bereichen sind sogar Mindestgrössen vorgeschrieben: Wer etwa der Kantonspolizei Zürich beitreten will, muss als Mann mindestens 1,67 Meter, als Frau mindestens 1,57 Meter gross sein. "Ein Polizist sollte neben anderen Eigenschaften auch eine gewisse physische Autorität mitbringen", begründet Pressesprecher Werner Benz diese Regelung.
Die berufliche Situation kleiner Männer wurde in England, Australien und den USA minutiös erforscht. Die Studien zeigen, dass kleine Männer beruflich das Nachsehen haben. Grossgewachsene Männer verdienen mehr und steigen schneller auf: Pro Zentimeter, das haben amerikanische Psychologen der Universität Pittsburgh berechnet, steigt das jährliche Einkommen um 250 Dollar. Und müssen Arbeitgeber zwischen zwei gleich qualifizierten, aber unterschiedlich grossen Bewerbern auswählen, entscheiden sie sich oft für den Grösseren.
"Entscheidend ist für uns die fachliche Qualifikation", sagt SBG-Pressesprecher Franz Raggenbass. Die Grösse eines Bewerbers spiele bei seiner Bank keine Rolle. Dasselbe lässt Markus Meier, Leiter Zentrale Dienste Personal bei der Winterthur-Versicherung, verlauten: "Wir haben überall unterschiedlich grosse Leute." Ganz ausschliessen, dass im Gesamteindruck eines Bewerbers die Grösse mitspielt, kann Meier allerdings nicht.
"Auch ein kleiner Mann kann Charisma haben", sagt der Zürcher Headhunter Björn Johansson. Seiner Ansicht nach spielt die Grösse bei der Auswahl von Kandidaten für Top-Jobs keine Rolle. SMH-Chef Nicolas G. Hayek (1,69 Meter) ist derselben Meinung. Er illustriert dies mit einer Anekdote über den britischen Politiker Lloyd George: George, nicht eben grossgewachsen, habe während einer Rede bemerkt, dass sich zwei Damen über seine Grösse unterhielten. "Ladies", habe er gesagt, "bei uns zu Hause misst man die Männer vom Kinn an aufwärts." Es zähle also der Kopf, sagt Hayek, der seine Grösse nie als Problem empfunden hat, "und es zählen die Proportionen".
Grosse Männer gelten als schöner, kleine Männer werden übersehen
"Die Proportionierung hat einen grossen Einfluss darauf, ob jemand gross oder klein wirkt. Die meisten, die klein wirken, haben kurze Beine", betont der Zürcher Kinder- und Jugendarzt Urs Eiholzer. "Vor allem in der Pubertät spielt die Grösse eine wichtige Rolle, denn Grösse wird mit sexueller Reife gleichgesetzt. Wer gross ist, ist in der Gruppe bessergestellt und kann daraus mehr Selbstvertrauen ziehen. Grosse Leute werden als schöner wahrgenommen", sagt Eiholzer, "kleine hingegen werden übersehen."
Es sei denn, sie zeichnen sich durch besondere Leistungen aus - etwa im Sport. Für Sepp Zellweger war seine Grösse ein sportlicher Vorteil. Heute ist der Jurist bei der SKA für PR und Pressearbeit im Bereich Sport tätig und sagt: "Ohne meine sportliche Vergangenheit, die mir viel Respekt einbrachte, würde ich vielleicht unter meiner Grösse leiden."
Das "Idealmass für Kunstturner", 1,63 Meter, hat auch "Tagesschau"-Sprecher Hansjörg Enz. Als Kind hat ihn seine geringe Grösse gestört - zum Beispiel, wenn er im Turnen als Kleinster immer zuhinterst in der Reihe anstehen musste. Heute lebt er gut damit: "Ich würde sagen, Kleine haben den grösseren Willen, nach oben zu kommen."
Ganz nach oben - politisch gesehen - kommt möglicherweise der Neuenburger Nationalrat Claude Frey, 1,63 Meter gross: Er wird als potentieller Nachfolger für Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz gehandelt. Ex-Nationalratspräsident Frey empfindet seine Grösse "im Flugzeug eindeutig als Vorteil". Im Alltags- und im politischen Leben, so stellt er fest, muss ein kleiner Mann "vielleicht etwas mehr reden, etwas vifer sein, damit er gehört wird". Böse Anspielungen auf die Kleinen werden in politischen Debatten allerdings keine gemacht. Dies bestätigt auch der frühere Zürcher FDP-Nationalrat Ernst Cincera (1,63 Meter). Für ihn, so Cincera, sei seine Grösse selbst als Kind kein Problem gewesen: "Vielleicht bin ich ein so natürlich autoritärer Typ, dass die Grösse keine Rolle spielt."
Wir sind nicht die Grössten
"Wir werden immer grösser", so lautet eine allgemein verbreitete Vorstellung. Bestätigt wird sie durch die jeweils an Rekrutenaushebungen vorgenommenen Messungen: Die jungen Männer des Jahres 1987 waren durchschnittlich 1,768 Meter gross - rund sieben Zentimeter grösser als jene des Jahres 1944.
Dennoch ist laut Urs Eiholzer, Kinder- und Jugendarzt in Zürich, die Vorstellung falsch, jede Generation überrage die vorhergehende um zehn oder mehr Zentimeter: Die Körpergrösse nimmt in unserem Zeitalter pro Generation nur zwischen null und drei Zentimeter zu. Es sei durchaus möglich, so Eiholzer, dass die Wachstumszunahme bald abgeschlossen sei.
Falsch ist auch die Vorstellung, die Grössenentwicklung des Menschen sei über die Jahrtausende konstant verlaufen und die gegenwärtige Bevölkerung demzufolge die grösste aller Zeiten. Der Homo erectus beispielsweise, der vor rund 1,3 Millionen Jahren lebte, wurde im Schnitt 1,76 Meter gross. Auch die Menschen, die vor rund 300 000 Jahren in Westafrika lebten, wurden um einiges grösser als wir heute: Die Durchschnittsgrösse der Frauen betrug damals 1,69 Meter (heute 1,66 Meter), die der Männer 1,84 Meter (heute 1,76 Meter).
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